Die Menschen misstrauen dem politischen Establishment massiv: Das ist eines der Ergebnisse einer Befragung in G 20-Ländern. In dem Bericht („Rebuild Trust“) kritisieren auch mehr als zwei Drittel der Befragten das Ausmaß der Ungleichheit.
Die Diagnose, welche die Antworten in einer Befragung liefern, hat beinahe eine globale Bedeutung – In diesen Ländern leben etwa zwei Drittel der Weltbevölkerung, hier werden vier Fünftel der Wertschöpfung erwirtschaftet.
Die Befragung, die „Ipsos“ im Auftrag von „Earth4All“ vom 20. Februar bis 6. März durchgeführt hat, fördert einige Erkenntnisse zu Tage:
- 65 Prozent der Befragten sagen, dass das politische System manipuliert wird – zugunsten der Wohlhabenden;
- 70 Prozent stimmen der Aussage zu, dass die wirtschaftliche Ungleichheit zu hoch sei;
- 69 Prozent sind der Auffassung, dass es einer Änderung des wirtschaftlichen Systems bedarf;
- Mehr als zwei Drittel meint auch, dass das gesellschaftliche Gefüge in ihrem Land heute größer sei als noch vor zehn Jahren;
- Weniger als ein Drittel – 31 Prozent – glauben, dass die Regierungen langfristig plant und im Interesse einer Mehrheit für deren Wohl in 20 bis 30 Jahren handelt;
- 40 Prozent plädieren dafür, dass an der Spitze der Regierung eine „starke Führungspersönlichkeit“, die nicht durch Parlament oder Wahlen gebremst wird (bzw. werden kann);
- Gleichzeitig sagen 68 Prozent, dass Demokratie die beste Regierungsform sei;
- 54 Prozent sagen, dass die Reduktion von Treibhausgas-Emissionen auch dann befürwortet wird, wenn dadurch Preise stiegen;
- 61 Prozent nehmen ernsthafte Spannungen zwischen politischen Parteien wahr, 53 Prozent zwischen Befürworterinnen und Befürwortern einer konsequenten Klimapolitik, 62 Prozent zwischen Immigrantinnen und Immigranten mit der angestammten Bevlkerung und 63 Prozent zwischen Reichen und Armen.
Nicht durchgeführt wurde die Umfrage in drei G20-Ländern: China, Mexiko, Saudi-Arabien und Russland. Dies wegen des russischen Angriffskrieges sowie der politischen Brisanz, welche die Frage-Beantwortung hat – und einem potentiellen Risiko für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Befragung in diesen Staaten.
In den anderen 16 G 20-Staaten und in Schweden wurden die Interviews per e-mail durchgeführt – dadurch kann es in weniger gut erschlossenen Staaten (Brasilien, Südafrika, Indonesien, Türkei, Indien) zu Verzerrungen kommen, zumal hier Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Studie urbanen Hintergrund haben. Insgesamt beteiligten sich 13.516 Personen teil – pro Land also zwischen 500 und 1000.
„Die Menschen ernst nehmen“
Es ist die dritte derartige Befragung, die „Earth4All“ durchführt. Earth4All ist auf Initiative des Club of Rome sowie des Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, des Stockholmer Resilienz-Zentrums und der Norwegischen Business School gegründet worden. Ziel ist es Wege aufzuzeigen, sodass eine Transformation hin zu einer klimaverträglichen Nachhaltigkeit möglich wird.
Für „news330“ erläutert Owen Gaffney, ein Co-Autor von „Rebuild Trust“: „Diese Umfrage beleuchtet eine Diskrepanz, die Earth4All bereits seit einigen Jahren beobachtet. Unsere ersten beiden Umfragen aus den Jahren 2021 und 2024 ergaben, dass die Mehrheit der Menschen von ihren Regierungen erwartet, dass diese den Planeten schützen und den dafür notwendigen systemischen Wandel unterstützen. Die diesjährige Umfrage bestätigt dies.“
Und weiter: „Wir wollten jedoch auch der Frage nachgehen, worauf die Kluft zwischen dem Willen der Bevölkerung und dem politischen Handeln zurückzuführen ist. Dabei zeigte sich, dass ein Mangel an Vertrauen in die langfristige Handlungsfähigkeit der Regierung einen Teil der Erklärung liefern könnte, denn nur 31% der Befragten trauen ihrer Regierung zu, Entscheidungen zu treffen, die den Menschen auch in 20 oder 30 Jahren zugutekommen.“
Wirtschaftlicher Wandel gefordert
„Die Öffentlichkeit wünscht sich einen systemischen wirtschaftlichen Wandel, doch die etablierte Politik versäumt es beständig, diesen anzubieten. Bleibt diese Lücke unbesetzt, wird sie von jenen gefüllt, die als Erste radikale Veränderungen versprechen – ungeachtet demokratischer Sicherungsmechanismen. Hier bietet sich die Chance für eine neue Art von Gesellschaftsvertrag: einen Vertrag, der das Ausmaß des von den Menschen geforderten Wandels ernst nimmt und diesen auf faire und demokratische Weise umsetzt.“
Die G 20 bestehen seit 1999. Es gibt 19 Mitgliedsstaaten sowie die Europäische Union und die Afrikanische Union. Zu den G 20-Treffen kommen Staats- und Regierungschef sowie Wirtschafts- und Umweltminister zusammen. Die Mitgliedsländer sind:
- Argentinien
- Australien
- Brasilien
- China
- Deutschland
- Frankreich
- Großbritannien
- Indien
- Indonesien
- Italien
- Japan
- Kanada
- Mexiko
- Russland
- Saudi-Arabien
- Südafrika
- Südkorea
- Türkei
- USA
Zudem werden zu jedem G 20-Treffen auch Nicht-Mitglieder dieses Blocks eingeladen – zum nächsten Meeting Mitte Dezember in Miami werden 12 Länder zusätzlich am Tisch sitzen.
Zurück zum Bericht „Rebuild Trust“: Die einzelstaatlichen Auswertungen zeigen durchaus interessante Spezifika. So empfinden die Befragten in Brasilien die Ungleichheit in besonderen Ausmaß. In den USA dagegen wird über die Schere zwischen Arm und Reich am wenigsten geklagt (62 Prozent; deutlich unter dem globalen Wert (70 Prozent), obgleich hier die höchste Diskrepanz zwischen Arm und Reich besteht. Das Vertrauen in die Regierenden ist in den USA mit 26 Prozent deutlich unter dem globalen Schnitt (31 %). In den Vereinigten Staaten sind es lediglich 26 %, die nach einer starken Führungsperson verlangen (bei einem globalen Wert von 40%).
In Kanada dagegen wird Ungleichheit in geringstem Maße wahrgenommen. Auffallend bei der Auswertung der Daten aus Indien ist, dass die armen Bevölkerungsteile der Aussage seltener zustimmen, dass das politische System zugunsten der Reichen manipuliert sei. Ungleichheit wird in Italien überdurchschnittlich häufig wahrgenommen, während dies in Japan seltener der Fall ist. Detail-Analysen der aller Länder finden sich im Langtext der Studie.
Mehr:
- news330-link Politologe Heyen im news330-Interview: Klima – Friede, Freude, Eierkuchen?
- news30-link Kommentar: Klare Antworten, klare Aufforderungen
- web-link Umfrage 2026: Rebuild Trust: Rigged Economies, fractured societies and the case for change
- web-link Juni 2024: Uncovering global attitudes to systems change: The Earth for All 2024 Survey
- web-link August 2021: Global Commons Survey: Attitudes to Transformation and Planetary Stewardship

























































